Panik ist kein Rezept

Dioxine in der Diskussion

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen im „Rheinischen Merkur“, 3. Juli 1992, S. 31)

Seit dem Unglück von Seveso steht die Formel 2,3,7,8-TCDD im öffentlichen Bewusstsein für das Ultragift Dioxin. So hoch seine Risiken auch sind – Detailstudien zeigen ein differenziertes Bild

Manchmal schwingt ein wenig Häme in der Stimme mit, wenn sich Kollegen bei Hermann Poiger nach seinem Befinden erkundeigen. Der 49jährige Toxikologe, tätig an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, kennt das schon: Seit er 1986 in einem Selbstversuch die Mini-Menge von 105 Nanogramm radioaktiv markiertes 2,3,7,8-Tetra-chlordibenzodioxin (TCDD) schluckte, aufgelöst in Maisöl, musste er schon manchen milden Spott ertragen. Schließlich verbirgt sich hinter TCDD das Seveso-Dioxin – der giftigste je von Menschen hergestellte Stoff.

Doch Hermann Poiger geht es bestens. Er sagt „Ich fühle mich wohl“ und „Ich habe andere Sorgen als das Dioxin“. Sein Risiko sei damals überschaubar gewesen, „sonst hätt’ ich’s nicht gemacht“. Ratten nämlich, die man mit täglich einem Nanogramm (einem Milliardstel Gramm) TCDD pro Kilogramm Körpergewicht fütterte, waren gesund geblieben. Zwar seien, so Poiger, die Dioxine keineswegs ungefährlich, doch diese Gefahr werde meist übertrieben. Außerdem unterscheide die Öffentlichkeit nicht zwischen der Giftigkeit und der krebserzeugenden Wirkung. Auch sei die zusätzliche Strahlenbelastung durch die radioaktive Markierung geringer als etwa die Höhenstrahlung der Alpen.

Poiger ist keineswegs ein seelenloser Technokrat. Er versteht sich als Umweltschützer, sieht aber die wirklichen Gefahren für unsere Natur anderswo, etwa bei den Schwermetallen im Boden. Sein Selbstversuch half, die biologische Halbwertszeit der Dioxine beim Menschen zu bestimmen: In rund sieben Jahren baut der Körper die Stoffe auf die Hälfte ab, in 14 auf ein Viertel und so fort.

Machen wir einen Sprung in die USA und das Jahr 1982. Da ließen die Behörden den kleinen Ort Times Beach evakuieren, nachdem festgestellt worden war, dass der Straßenbelag dort mit Dioxin verseucht war. Der für die Sperrung Verantwortliche, Vernon H. Houk vom Krankheitskontrollzentrum, sagt dazu heute: „Wenn ich damals soviel über die Gefahren des Dioxins gewusst hätte wir heute, hätte ich die Räumung nicht empfohlen.“

Doch von Forschungsergebnissen nimmt die Öffentlichkeit kaum Notiz. Oft sind sie für Laien, auch für Journalisten, kaum verständlich - oder missverständlich. So heißt es im „dtv-Atlas zur Ökologie“ der Bielefelder Studienräte Dieter Heinrich und Manfred Hergt über den Seveso-Störfall, bei dem etwa 1,3 Kilogramm TCDD freigesetzt wurden: „Es starben unmittelbar vier Menschen.“ Nach der Quelle befragt, nennt Hergt das Buch „Seveso ist überall“ von Egmont R. Koch und Fritz Varenholt. Dort heißt es auf Seite 50 aber wesentlich schwächer: „Neben drei Todesfällen, die manche Mediziner auf das Gift zurückführen...“. Während das Werk sonst von Verweisen strotzt – allein das Dioxin-Kapitel führt 112 auf -, fehlt ausgerechnet hier die Quellenangabe. Ein Beispiel dafür, wie fragwürdige Quellenangaben auch noch falsch wiedergegeben werden: Beim Seveso-Unfall ist nachweislich niemand zu Tode gekommen.

Ein Grund für derlei Schwierigkeiten: Verschiedene Organismen reagieren ganz unterschiedlich auf das Dioxin. Deshalb lassen sich Erkenntnisse aus Tierversuchen nicht einfach auf den Menschen übertragen. So sterben Meerschweinchen bereits, wenn man sie mit einem Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht füttert, Ratten vertragen dagegen das 20fache, Hamster gar das 5000fache dieser Menge. Etwa genau so hoch – auf sechs Milligramm pro Kilogramm – schätzen Experten aufgrund theoretischer Überlegungen auch die tödliche Dosis für den Menschen.

Was der Laie als „Dioxin“ bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein Gemisch aus 75 verschiedenen Stoffen, die der Fachmann polychlorierte Dibenzodioxine nennt. Oft zählt man auch noch die 135 polychlorierten Dibenzofurane mit, die sich von den Dioxinen nur durch das Fehlen eines Sauerstoffatoms unterscheiden. Zusammen sind das 210 Verbindungen, und die unterscheiden sich in ihrer Gefährlichkeit sehr: Während ein Meerschweinchen nämlich schon an einem Mikrogramm 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) stirbt, sind dazu mindestens 30 Milligramm 2,3,7-Triochlordibenzodioxin und gar mehr als 300 Milligramm 2,8-Dichlordibenzodioxin nötig.

Unstrittig ist jedoch, daß TCDD Im Tierversuch Krebs auslöst und fruchtschädigend wirkt. Bei der Ratte ist dies ab einer täglichen Dosis von 100 Nanogramm der Fall. Die Furcht vor den Dioxinen ist deshalb keineswegs unbegründet. Andererseits ist aber seit mehr als fünfzehn Jahren bekannt, dass das Seveso-Dioxin nicht direkt mit dem Erbgut reagiert. Stattdessen lagert es sich an ein besonderes Eiweißmolekül an, den Ah-Rezeptor. Erst dieser kann mit dem Erbgut in Verbindung treten.

Der Unterschied ist bedeutsam: Im ersten Fall würde ein einziges Dioxinmolekül ausreichen, um Krebs auszulösen, im zweiten ist dagegen eine Mindestzahl von Molekülen nötig, um den Rezeptor zu aktivieren. Mit anderen Worten: Es gibt einen Schwellenwert; darunter sind die Dioxine ungefährlich.

Früher glaubte man, Dioxine entstünden allein als Nebenprodukte bei der Herstellung bestimmter Pflanzenschutz- und Desinfektionsmittel. Jetzt zeigen neue Analysemethoden, daß sie bei allen Verbrennungen entstehen und daher schon immer in Spuren in der Umwelt vorkamen. Verursacher sind neben der Papierbleiche mit Chlor, dem Autoverkehr und der Müllverbrennung auch die häuslichen Kamine. Dioxine entstehen sogar bei der Beilstein-Probe, einem einfachen Nachweisverfahren für Chlor und verwandte Stoffe, das auch im Schulunterricht angewandt wird.

Als Beschwerden nach Dioxinunfällen treten Augenbrennen und Reizhusten auf, danach folgt meist Müdigkeit mit Kopfschmerzen und Schwindel. Erst im Verlauf einiger Tage oder Wochen kommt es dann zur sogenannten Chlorakne: Vor allem im Gesicht bilden sich entzündete Knoten und Pickel, die sich über Nacken, Brust und Rücken bis zu den Oberschenkeln und Geschlechtsorganen ausbreiten können. Die Chlorakne kann über Jahre und Jahrzehnte andauern.

1953 noch war der Stoff, der zur Chlorakne führt, unbekannt. Erst 1956 stellte der Chemiker Wilhelm Sandermann von der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft (Hamburg) erstmals TCDD her. Bald stellte man fest, dass der neue Stoff mit dem identisch war, der die Chloraknefälle bei der BASF in Ludwigshafen am 17. November 1953 verursacht hatte.

Dann aber kam es zu einem verhängnisvollen Fehler. In dem Glauben, nun sei ein billiger chemischer Kampfstoff gefunden, wurden weitere Forschungen und die Veröffentlichung der ersten Ergebnisse verboten. So erschienen Arbeiten über Dioxine erst 1970. Damals war bei vielen amerikanischen Soldaten in Vietnam Chlorakne aufgetreten – weil das dort versprühte Entlaubungsmittel Agent Orange mit TCDD verunreinigt war. Inzwischen gehören die Dioxine zu den am meisten untersuchten Stoffen. Die Zahl der wissenschaftlichen Texte darüber wird auf 40 000 geschätzt.

Daß die Krebsgefahr durch Dioxine in der Tat oft übertrieben wird, belegen die beiden bisher größten Studien zu diesem Thema, vor kurzem erst veröffentlicht. Untersucht wurden 5172 Arbeiter aus zwölf US-Firmen, die mit TCDD verunreinigte Chemikalien herstellten, von der Gruppe um Marylin Fingerhut (vgl. New England Journal of Medicine, Vol. 324 (4), S. 212-218), und weitere 18 910 Arbeiter aus zehn Ländern, darunter auch Schädlingsbekämpfer, die Pflanzenschutzmittel versprüht hatten, von Rodolfo Saracci und der Internationalen Krebsforschungsagentur in Lyon (vgl. The Lancet, Vol. 338, S. 1027-1032).

Bei beiden Studien entsprach die Zahl der Todesfälle recht genau dem jeweiligen nationalem Durchschnitt. Auch die Zahl der Krebstoten zusammen war bei Saraccis Untersuchung nicht erhöht. In der Fingerhut-Studie lag sie etwas höher, wobei (auch) das Rauchen eine Rolle spielen könnte. Einige seltene Krebsarten kamen etwas häufiger vor, doch waren die absoluten Zahlen sehr gering.

Besonders nach zwei extrem seltenen Krebsarten wurde gefahndet: nach dem Weichteil-Sarkom und der non-Hodgkin-Krankheit, einem Lymphdrüsenkrebs. Bei früheren Expertisen war nämlich der Verdacht aufgekommen, sie würden durch Dioxin ausgelöst. Unter den rund 24 000 Untersuchte beider Studien fanden sich acht Weichteil-Sarkomtote und 25 non-Hodgkin-Fälle – zu erwarten gewesen wären 3,66 sowie 21,19. Diese Differenzen sind, so drücken es die Wissenschaftler aus, statistisch nicht signifikant; sie können zufällig sein.

Es kann aber nicht auf Zufall beruhen, wenn erwartete und beobachtete Ziffern bei sehr kleinen Fallzahlen weit auseinanderliegen. Die leichte Erhöhung der non-Hodgkin-Erkrankungen erwies sich denn auch als nicht signifikant. Doch drei der vier Sarkomfälle von Fingerhut waren unter jenen 922 Arbeitern aufgetreten, die vor gut 20 Jahren erstmals mit Pflanzenschutzmitteln zu tun hatten, die durch Dioxine verunreinigt waren.

Ähnlich bei Saracci: Alle vier Sarkomtoten (drei davon waren Sprüher) gehörten zu den 606 der insgesamt Untersuchten, die zwischen zehn und 19 Jahren vor ihrem Tod mit dem Stoff in Kontakt gekommen waren. Zudem hatten vier der acht Toten mehr als sieben Jahre damit gearbeitet. Für diese Langzeitexponierten wären im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung nur 0,33 (Fingerhut) bzw. 0,66 (Saracci) Sarkomtote zu erwarten gewesen.

Ein neun- oder sechsfach erhöhtes Risiko also? Fingerhut und Saracci sind da vorsichtig. Sie verweisen darauf, dass dieser Krebs an sich sehr selten ist und daß die Sterblichkeit von Dioxinarbeitern bei allen Krebsarten zusammen nicht höher ist als die der Gesamtbevölkerung.

Die absolute Zahl der Sarkomtoten sei viel zu gering, um daraus Schlüsse zu ziehen, meinen sie. Außerdem könnten für die Erhöhung auch andere Chemikalien verantwortlich sein, etwa das nachweislich krebserzeugende Asbest. Damit hatten zwei der Sarkomtoten vermutlich zu tun. Da aber alle Untersuchten erheblich mehr Dioxin aufnahmen als die Gesamtbevölkerung, ihre Krebssterblichkeit jedoch (von den Sarkomtoten abgesehen) nicht zugenommen habe, sei die Gefahr besonders für den Durchschnittsbürger verschwindend gering. Andererseits spreche vieles dafür, daß Menschen, die sehr lange mit sehr großen Mengen TCDD zu tun hatten, tatsächlich häufiger an Krebs erkrankten. Beide Gruppen werden ihre Untersuchungen deshalb fortsetzen.

Eine Todesart allerdings, das zeigten auch andere Studien, kam wesentlich häufiger als normal vor: Selbstmord. Wirkt TCDD also möglicherweise auf die Seele? Ausgeschlossen ist das nicht, doch gibt etwa der Hamburger Arzt Dr. Harald Kilian zu bedenken, dass Depressionen auch durch die Furcht vor einer unbekannten Krankheit und ihrem Verlauf verursacht werden können. Die Entstellung durch Chlorakne und dadurch geförderte Eheprobleme dürften ebenfalls eine Rolle Spielen. Immerhin, so der Hamburger Selbstmordforscher Professor Klaus Böhme, sollten die Wissenschaftler mehr auf diesen Punkt achten.

Nicht alle Fachleute sind mit der Bewertung durch Fingerhut und Saracci einverstanden. Der Kieler Toxikologieprofessor Otmar Wassermann etwa, oft in den Medien präsent, wirft der BASF und der amerikanischen Firma Monsanto vor, Studien gefälscht und dann als Beweis für das geringe Risiko der Dioxine herangezogen zu haben. Wassermann wörtlich: „Ferner sind verharmlosende Zeugenaussagen durch ‚Wissenschaftler’ mit Beträgen zwischen 26 000 und 42 000 Dollar erkauft worden.“

Otmar Wassermann führt als Beleg für seine Vorwürfe einen Gerichtsprozess gegen die Firma Monsanto an. In der Nähe der Kleinstadt Sturgeon im US-Staat Missouri war ein Eisenbahnwaggon mit etwa 90 000 Litern eines Holzschutzmittels entgleist, das mit etwa einem Teelöffel Dioxin verseucht war. Anwohner forderten daraufhin von der Firma 16 Millionen Dollar Schadensersatz.

Die Fotokopien aber, die Wassermann dazu verteilte, enthalten nur die Schriftsätze mit den Behauptungen der Kläger aus dem Jahre 1989, nicht aber das Urteil. Darauf angesprochen behauptet Wassermann, Monsanto sei verurteilt worden. Mehr „investigativer Journalismus wie in den USA“ sei auch in Deutschland nötig, um die Machenschaften der Chlorchemie aufzudecken, sagt er. Und er verspricht, eine Kopie des Urteils zu schicken. Doch was einige Tage später eintrifft, ist wieder nur eine Kopie der Anschuldigungen der Kläger. Alles andere wäre auch schwierig gewesen: Die Firma Monsanto wurde bereits am 11. Juni 1991 freigesprochen.

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Leserbrief hierzu, erschienen im „Rheinischen Merkur“ vom 24. 7. 1992, S. 26

„Sachliche Aufklärung über Dioxine – Vielen Dank für den Artikel über Dioxine von Hubert J. Gieß. Man kann also auch über dieses Kapitel sachlich und genau informieren! Aber bei den meisten Medien ist die Sucht nach Sensationen und Schreckensmeldungen eben größer.

Oskar Jacobi, Wuppertal“