Stammt die Relativitätstheorie von Albert Einsteins Frau?

Mileva Maric, die erste Gattin des Physikers, soll die grundlegenden Ideen entwickelt haben – US-Wissenschaftler nennt als Beleg: Die Serbin erhielt das gesamte Nobelpreisgeld

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in „Die Rheinpfalz“, 22. März 1991)

Stammen die grundlegenden Ideen zur Relativitätstheorie von Mileva Maric, der ersten Frau Albert Einsteins? Das zumindest behauptet der amerikanische Physiker Evan Harris Walker. Einstein war von 1903 bis 1919 mit der gebürtigen Serbin verheiratet, lebte aber schon seit 1914 von ihr getrennt. In die Zeit ihres Zusammenlebens fallen die großen Entdeckungen des Physikers: 1905 die spezielle und 1911 die allgemeine Relativitätstheorie.

Walker begründet seine Behauptung in der amerikanischen Fachzeitschrift „Physics Today“ damit, dass Einstein sich bei seiner Scheidung im Februar 1919 verpflichtete, das Preisgeld eines zu erwartenden Nobelpreises in voller Höhe an seine Ex-Frau zu zahlen. Tatsächlich hielt Einstein sich auch daran, als er 1921 den Nobelpreis „für Leistungen auf dem Gebiete der theoretischen Physik, besonders für die Entdeckung des Gesetzes der photoelektrischen Wirkung“ erhielt.

Das Preisgeld betrug rund 120 000 schwedische Kronen, nach heutiger Kaufkraft etwa eine Million Mark – genug, dass sich Mileva Maric in ihrem Wohnort Zürich drei Häuser kaufen konnte.

Als weiterer Beleg dient Walker ein Brief von Einstein an seine damalige Verlobte Mileva. „Wie glücklich und stolz werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht haben,“ heißt es darin. Schließlich meint Walker, Einstein habe nach seinen Jahren mit Mileva Maric nichts wirklich Neues in der Physik geleistet und sich nur selbst wiederholt – was auch anderen Wissenschaftlern schon aufgefallen war. So habe er den Anschluss an neuere Entwicklungen wie etwa die Quantentheorie verpasst.

Mittlerweile diskutiert die internationale Wissenschaftlergemeinde kontrovers über Walkers Behauptungen, so vor allem während eines Treffens der amerikanischen Wissenschaftsvereinigung AAAS.

John Stachel, Herausgeber der ersten Bände der gesammelten Schriften Einsteins und selbst Physiker, verteidigt Einstein. Er nennt Walker „einen Fanatiker, der die Realität auf der Grundlage seiner eigenen Wunschvorstellungen beurteilt.“ Mileva Maric sei zweimal bei den Abschlussprüfungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule durchgefallen, so Stachel. Ihre Briefe enthielten kaum einen Hinweis auf eine weitergehende Beschäftigung mit der Physik. Seine dagegen seine voller theoretischer Ideen und Experimentiervorschläge. Walker verweist darauf, dass zwar 43 Briefe von Einstein an Maric, aber nur zehn von ihr an ihn bekannt sind – Einstein hatte zu Beginn seiner Karriere die meisten Briefe vernichtet, weil er sie für unwichtig hielt.

Auch der Kölner Physiker und Psychologe Johannes Wickert, Autor einer deutschen Einstein-Biographie, hält wenig von Walkers Behauptungen. Frau Maric sei eine stille, in sich gekehrte Person gewesen, die mit vielen Problemen zu kämpfen gehabt habe. Sie sei zu einer solchen Leistung gar nicht in der Lage gewesen. Tatsächlich ging es Mileva Maric nach der Trennung von Einstein alles andere als gut, doch um 1905 herum war das noch anders gewesen.

Auf der Seite von Mileva Maric steht die in den USA lehrende deutsche Linguistin Senta Troemel-Ploetz. Sie verweist darauf, dass es für Frauen auch heute noch sehr schwer sei, sich an den Hochschulen und speziell in den Naturwissenschaften durchzusetzen. Um die Jahrhundertwende sei es für Männer ganz normal gewesen, sich die Arbeitsergebnisse von Frauen anzueignen. „Einstein war ein sehr normaler Mann,“ meint sie.

Noch 1895 hatte beispielsweise der Rektor der Universität Marburg in seiner Abschiedsrede geklagt, eine dunkle Wolke habe sein Rektorat verdüstert: die erste Frau an seiner Universität.

Mileva Marics Versagen in der Prüfung relativieren einige Forscher: Noch ihr Vordiplom bestand sie mit guten Noten, das Diplom am 27. Juli 1900 errang selbst Einstein nur knapp. Die von Maric angefertigte schriftliche Diplomarbeit – sie ist verlorengegangen –wurde von ihrem Professor H. F. Weber gelobt. Bei der Diplomwiederholungsprüfung im Sommer 1901 fiel sie abermals durch. Ihre persönliche Situation hatte sich zwischenzeitlich geändert: Sie war schwanger.

Erst seit wenigen Jahren ist dieses Detail durch Briefe bekannt, die sich im Nachlass des Einstein-Sohnes Hans-Albert fanden. Danach hat Mileva Maric im Januar 1902, ein Jahr vor der Heirat, eine Tochter namens Lieserl geboren, über deren Schicksal nichts bekannt ist – eine Spurensuche in der Schweiz und in Jugoslawien blieb erfolglos. Es ist leicht vorstellbar, dass das uneheliche Kind die Einstellung konservativer Professoren beeinflusst haben könnte. Dazu kam, dass weder Einsteins noch Marics Familie von einer Heirat etwas wissen wollten – Einsteins Mutter Pauline reagierte auf die drei Jahre ältere und seit ihrer Geburt hinkende Mileva mit Wutanfällen und Weinkrämpfen.

In der letzten Zeit mehren sich Anhaltspunkte, dass Walker nicht ganz Unrecht haben könnte. So findet sich in dem Buch „Erinnerungen an Albert Einstein“ des sowjetischen Physikers Abraham Joffe (1880-1960) ein bisher übersehener Hinweis. Joffe war Anfang des Jahrhunderts Assistent bei Wilhelm Röntgen in Würzburg. Röntgen gehörte dem Komitee an, das wissenschaftliche Aufsätze für die „Annalen der Physik“ begutachtete, in denen die grundlegenden Arbeiten Einsteins im Jahre 1905 veröffentlicht wurden. Zu dieser Arbeit zog er auch seinen Schüler mit heran. Joffe sah damals drei der Artikel im Original, darunter „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“, der die spezielle Relativitätstheorie enthält. Alle drei waren mit „Einstein-Maric“ gezeichnet. Die New York Times berichtete 1944, dass Einstein die Originale vernichtet hatte; die amerikanische Kongressbibliothek lobte zeitweilig 11,5 Millionen Dollar für sie aus.

Historisch gesichert ist auch, dass Mileva zusammen mit dem Einstein-Freund Paul Habicht eine Gerät zur Messung sehr kleiner Spannungen entwickelte. Es wurde in der Schweiz zum Patent Nr. 35 693 angemeldet – unter dem Namen Einstein-Habicht. Die Anmeldung hatte man Albert Einstein überlassen, der damals am Patentamt tätig war. Gefragt, warum sie ihren eigenen Namen nicht angegeben habe, antwortete Mileva: „Wozu? Wir sind ja beide nur Ein Stein.“

Aufschluss über den Anteil Mileva Marics an Einsteins wissenschaftlicher Leistung hätte vielleicht ein Buch der Schweizer Schriftstellerin Julia Niggli geben können, die die Familie Einstein kannte. Ein Züricher Verlag kündigte es vor Jahren an, erschienen ist es bis heute nicht, “wegen juristischer Hindernisse“. Mileva Maric selbst kann man nicht mehr fragen, sie starb 1948 völlig vereinsamt in ihrer Wahlheimat Schweiz.