Ich bin krank, also bin ich

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in „Chemische Industrie“, Heft 1-2/96, Seite 50)

Jahrelang genossen sie geradezu Märtyrerstatus, füllten so manche Spalte in Gazetten und Magazinen, zahlreiche Sendeminuten und waren stets eine Reportage wert: jene Zeitgenossen, die unter dem Chemikalienzoo in unserer Umwelt litten. In Zeiten wirtschaftlicher Stagnation freilich wächst der Realitätssinn der Bundesbürger. Die neuen Leiden des jungen Deutschland lassen so manches alte Zipperlein im rechten Licht erscheinen, und offenbaren es als das, was es ist: „Ökochondrie“.

Geradezu phantastisch ist die Vielfalt ihrer Symptome. Ihre Aufzählung liest sich gleichsam wie die Inkarnation eines Beipackzettels: Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwächen, Schwindelanfälle, Übelkeit, Hautjucken, Kopfschmerzen und Augenrötung zählen dazu ebenso wie Kreislaufprobleme, Magenschmerzen und Verdauungsstörungen. Zu allem Überdruß gesellen sich manchmal Atemnot und Depressionen hinzu – und unglücklicherweise Alkoholunverträglichkeit. Das lässt kaum einen Mediziner unbeeindruckt, erst recht, wenn er die Symptome am eigenen Leib diagnostiziert. So erging es einer Tübinger Ärztin, die die Ursache des Leidens ihrer Nachbarn schnell gefunden glaubte: Waren nicht auf nahen Feldern organische Phosphorsäureester verspritzt worden?

Kaum hatten die Bildzeitung und das Fernsehmagazin „Report“ den Fall aufgegriffen, meldeten sich neue Kranke; an die 150 waren es schließlich. Schon beschäftigte die Epidemie den Staatsanwalt und den Landtag in Stuttgart. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die mutige und unerschrockene Medizinerin mit einem Umweltschutzpreis geehrt wurde. Doch seltsam: Nachdem sie in einen anderen Ort umgezogen war, erlosch die Epidemie so plötzlich, wie sie ausgebrochen war.

Derartige Krankheiten scheinen ungemein ansteckend; da kann kein Virus mithalten. Sind doch die Umweltgifte allgegenwärtig: Amalgam und Dioxin, Holzschutzmittel und Insektensprays, und was die Industrie sonst noch alles an Chemikatessen bereithält. Allein, die Medizin lässt die Kranken im Stich. „Befund: Fehlanzeige“, lautet ihre Diagnose meist. Und das trotz modernster und teuerster Tests. Sollten die neuen Leiden der jungen Deutschen rein virtuell sein? Ausgerechnet das nicht gerade als industriefreundlich geltende Nachrichtenmagazin „Spiegel“ prägte den Begriff des „Ökochonder“.

Das Phänomen ist nicht einmal neu. Immer, wenn das „Gesundheitsmagazin Praxis“ des ZDF über die Bildschirme flimmert, sind die Wartezimmer der Ärzte tags darauf gut besucht – von Menschen, die genau an jener Krankheit leiden, über die das Magazin berichtete. Für die Mediziner meist ein klarer Fall: „Morbus Mohl“, so nennen sie das Leiden (nach dem früheren Leiter der ZDF-Gesundheitsredaktion) oder „Kühnemannsche Krankheit“ (nach einer bayerischen Fernsehärztin).

Neulich haben Arbeitsmediziner, Psychiater und Psychologen der Universität Erlangen-Nürnberg 94 Patienten mit Phantomerkrankungen auf 39 verschiedene Umweltgifte untersucht. Und siehe da: Keiner der Kranken war stärker schadstoffbelastet als der gesunde Durchschnittsdeutsche auch. Gespräche mit den Patienten und ein psychologischer Test offenbarten jedoch: Zwei Drittel von ihnen litt an psychiatrischen Störungen – gut dreimal soviel wie im Schnitt der Bevölkerung. Vielleicht sind es ja die überzogenen Ängste selbst und nicht die Umweltgifte, die krank machen. Zu Risiken und Nebenwirkungen bei der Suche nach der rechten Therapie führen, das Tübinger Beispiel lehrt es, allenfalls jene Medici, die als diagnostische Geisterfahrer eher Dunkel in das Licht der Ursachenforschung bringen.

Womöglich ist der deutsche Michel aber gar nicht so umweltkrank und chemophob, wie es gemein scheinen mag. Wie anders ließe sich die spärliche erste Resonanz auf die Fragebögen für das Expositionsregister zum Hoechst-Störfall vor drei Jahren erklären? Gar so drückend kann die Pein nicht sein. Hoffnungsvoll stimmt schließlich, dass selbst der Hamburger Umweltsenator Fritz Varenholt kürzlich Angst und Technikphobie der Deutschen als „ökologisch kontraproduktiv“ beklagt hat. Vielleicht besteht doch noch eine Chance, die Ökochondrie zu stoppen, bevor sie zur Pandemie gerät.