Erste Fernsehbilder auf der Mattscheibe flimmern noch gewaltig

Deutscher Pionier der Television vor hundert Jahren geboren – „Karolus-Zelle“ schickt Bilder über den großen Teich

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in „Die Rheinpfalz“ am Donnerstag, 25.März 1993)

Die Kugel blieb mitten in der Lunge stecken, nur zwei Zentimeter vom Herzen entfernt. Ein Chirurg war nicht erreichbar, lediglich ein Frauenarzt. Der erkannte nicht, was los war, nähte die Wunde einfach zu – der angeschossene August Karolus war todgeweiht. Doch die schwere Verletzung entpuppte sich als Glücksfall für ihn – und für die deutsche Wissenschaft.

Der Schuß fiel im Herbst 1917 in Flandern, mitten im Ersten Weltkrieg. Karolus war Soldat. Nach kurzer Zeit fing der Verletzte an zu fiebern, wurde bewusstlos. Normalerweise wäre August Karolus wohl ein Leben lang ein kleiner badischer Dorfschullehrer geblieben. So aber wurde er zu einem der Pioniere des Fernsehens.

Schon als Kind experimentiert

Vor genau hundert Jahren, am 16. März 1893, wurde Karolus in Reihen, einem kleinen Dorf 35 Kilometer südöstlich von Heidelberg, geboren. Schon als Kind interessierte er sich für Technik, experimentierte mit einem Elektrobaukasten. Doch der Vater, ein Landwirt, hatte andere Pläne mit dem ältesten von sieben Geschwistern: August sollte einmal den Hof übernehmen. So durfte er kein Abitur machen, sondern musste auf die Oberrealschule in Sinsheim gehen. Widerwillig nur erlaubte ihm der Vater, wenigstens das Lehrerseminar in Ettlingen zu besuchen. Als er dort seinen Physiklehrer auf einen Fehler aufmerksam machte, war der so wütend, dass er ihn kurzerhand für einige Tage vom Unterricht ausschloss. Nach dem Examen unterrichtete Karolus bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs an ländlichen Schulen.

Die Verletzung bot dem jungen Mann schließlich die Chance, seinem Leben eine andere Richtung zu geben. Aus dem Lazarett in Hannover setzte sich der Verwundete zu Weihnachten 1917 unerlaubt nach Hause ab. Nach einem schweren Fieberanfall musste er nach Karlsruhe ins Krankenhaus gebracht werden. Dort setzte er sich später in die Vorlesung an der Technischen Hochschule. Nebenbei bereitete er sich auf das Abitur vor. Das schaffte er im Juli 1919, mit 26 Jahren. Nur zwei Jahre später hatte Karolus, inzwischen nach Leipzig übergesiedelt, den Doktortitel in der Tasche.

Die Faszination bewegter Bilder

In Leipzig wurde er Assistent des Physikers Professor Otto Wiener, dem er vorschlug, eine Apparatur für das Fernsehen zu entwickeln. Wiener lehnte ab – was sollte es für einen Sinn machen, bewegte Bilder zu übertragen? Durch einen Trick gelang es Karolus, ihn doch noch zu überzeugen: Mit der gleichen Apparatur könne man auch die Geschwindigkeit des Lichts genauer als je zuvor messen.

Die Idee des Fernsehens stammte schon aus dem vorigen Jahrhundert, als der Student Paul Nipkow eine Bildzerlegerscheibe erfunden hatte. Praktisch umsetzen ließ sich die Idee jedoch nicht, die Bildabtastung erfolgte noch mechanisch und war viel zu langsam. Auch Karolus experimentierte zunächst mit der Nipkow-Scheibe. Schon 1924 konnte er die ersten Bilder, wenn auch nur mit 48 Zeilen (die heutigen Fernseher haben 625) übertragen. Bald benutze er jedoch ein außen mit Spiegeln besetztes Rad, dass der Leipziger Physiker Ludwig Weiller erfunden hatte.

Doch auch so ließen sich die Bilder noch nicht trägheitsfrei übertragen. Der große Wurf gelang Karolus, als er die schon Jahre zuvor von dem Engländer Kerr erfundene Lichtzelle verbessern konnte. Mit dieser Zelle lassen sich elektrische Spannungen in Lichtschwankungen verwandeln; sie wird heute noch bei Tonfilmen benutzt. Damit ließen sich Bilder erstmals elektronisch senden. Bald standen die großen Firmen bei dem Fernsehpionier Schlange.

Die technischen Probleme der Television waren aber damit noch nicht gelöst: Die Bilder konnten nicht elektronisch aufgenommen werden. Zeitungen und Nachrichtenagenturen nutzten aber die Karoluszelle, um Fotos vom einen Ende der Welt zum anderen zu schicken. Anfangs geschah dies über Telefonleitungen. 1928 wurde Karolus Professor in Leipzig. Im gleichen Jahr gelang es ihm, über Kurzwelle Bilder von Berlin nach Rio de Janeiro zu senden Ab 1927 war das „Siemens-Karolus-Telefunken-System“ der Bildtelepathie weltweit im Einsatz.

Fieberhafte Forschungen

Seine ersten noch flackernden und dunklen Fernsehbilder führte Karolus bei den internationalen Funkausstellungen 1928 und 1929 in Berlin der Öffentlichkeit vor. Aber nicht nur in Deutschland, auch in Großbritannien und den USA arbeiteten Erfinder und Techniker fieberhaft an der Entwicklung des Fernsehens.

Der große Durchbruch gelang erst, als der in die USA ausgewanderte Russe Wladimir Zworykin die Bildaufnahmeröhre erfand – jetzt endlich war es möglich, Bilder auch vollelektronisch aufzunehmen. Am 22. März 1935 nahm die Deutsche Reichspost den Fernsehversuchsbetrieb auf, die Bewährungsprobe stand 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin an. Damals besuchten einige zehntausend Menschen die öffentlichen Fernsehstuben. Im gleichen Jahr starteten die Engländer ihr Fernsehen, die USA lagen noch zurück. Mit Kriegsbeginn geriet die Entwicklung in allen Ländern ins Stocken. 1945 wurden einige von Karolus gebaute Apparaturen zerstört, darunter ein weiterentwickelter Fernseher. Zum Glück für Karolus und seine Erfindung waren die Amerikaner damals bereits bis zur Elbe vorgestoßen. Ein amerikanischer Offizier erkannte die Bedeutung der Arbeiten von Karolus und schaffte die noch brauchbaren Teile und alle Unterlagen nach Reihen, in die Heimatstadt des Erfinders.

Forschung in der Schweiz

An ein Weiterforschen war dort freilich nicht zu denken. Karolus knüpfte deshalb Kontakte in die Schweiz und siedelte 1946 nach Zürich über. Hier entwickelte er unter anderem eine Frühform der Quarzuhr, besonders genaue Instrumente für die Trägheitsnavigation und Geräte für die Entfernungsmessung mit Licht.

1967 widmete sich Karolus noch einmal der Erforschung der Lichtgeschwindigkeit. Dazu benutze er einen Helium-Neon-Laser – es dauerte fast zwanzig Jahre, bis die Genauigkeit seiner Messung übertroffen wurde. Schon 1955 war er wieder als Physikprofessor nach Freiburg berufen worden, lebte aber weiterhin in Zürich. Ab 1962 im Ruhestand, forschte Karolus, der sich als „Physiker und Elektrotechniker“ bezeichnete, an einem eigenen Institut in Zürich weiter. Sechs Wochen, nachdem er einen Herzinfarkt erlitten hatte, starb er am 1. August 1972 in der Nähe von Zürich.

Seine Zeit als Lehrer hat er übrigens nie bereut: Die nämlich, so sagte er später, habe ihm erst ermöglicht, seine Forschungsergebnisse allgemeinverständlich und klar zu formulieren.