Fasern aus Pandoras Büchse

Künstliche Mineralfasern können Krebs auslösen
Im Körper abbaubare Glasfasern sollen Risiko mindern

Von Hubert J. Gieß

(Geschrieben 1991 für den Deutschen Forschungsdienst (df), erschienen in mehreren Zeitungen)

(df) Nicht nur Asbest, sondern auch künstliche Mineralfasern aus Glas, Keramik oder Stein können offensichtlich Krebs auslösen. Ratten, denen Glas- oder Steinwolle ins Bauch- oder Brustfell gespritzt wurde, erkrankten an Krebs. Denn nicht der Stoff selbst, sondern allein seine Form und seine Beständigkeit verursachen die Krankheit: Fasern, die dünner als zwei Tausendstelmillimeter, länger als fünf Tausendstelmillimeter und dabei mehr als fünfmal so lang wie dick sind, können sich im Lungengewebe festhaken und so im Laufe der Jahr die tödlichen Wucherungen hervorrufen.

Schon die alten Griechen kannten den Asbest. In ihren Tempeln leuchteten Öllämpchen, deren Docht aus ihm bestand - er wurde nicht kürzer und verbrannte auch nicht. Auch der Name ,,Asbest" ist griechisch - das Wort bedeutet unzerstörbar, unvergänglich. Der Stoff wäre wohl ein Kuriosum geblieben, hätte nicht ein österreichischer Ingenieur zu Anfang des Jahrhunderts entdeckt, daß er sich wegen seiner Elastizität auch als Baumaterial eignet, und den Asbestzement erfunden. Jahrelang galt das faserige Material als Wunderstoff - bis sich herausstellte, daß er Krebs auslösen kann. Als Ersatz boten sich künstliche Mineralfasern aus Glas, Keramik oder Stein geradezu an, doch auch diese sind nicht unbedenklich.

Nicht der Grundstoff des Asbests, das harmlose Mineral Magnesiumsilikat, so stellte sich heraus, ist Ursache der tödlichen Krankheit, sondern seine Form: Es sind allein die langen, dünnen Fasern, die die Wucherungen hervorrufen. Und ausgerechnet die finden sich teilweise auch bei den Asbestersatzstoffen. Versuche, die Professor Friedrich Pott vom Umwelthygiene-Institut der Universität Düsseldorf und Dr. Hartwig Muhle vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosolforschung in Hannover durchführten, zeigten, daß auch Glas- oder Steinwollefasern bei Ratten Lungen- und Brustfellkrebs hervorriefen.

Pott gehört der ,,Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe" an, die alljährlich für die Deutsche Forschungsgemeinschaft die sogenannte MAK-Liste erstellt, in der die höchstzulässigen Konzentrationen eines Stoffes am Arbeitsplatz aufgeführt sind. Schon im vergangenen Jahr schlugen er, der Gießener Arbeitsmediziner Hans-Joachim Woitowitz und einige andere Wissenschaftler vor, künstliche Mineralfasern in die Klasse III A 2 dieser Liste einzustufen, die Stoffe enthält, die sich im Tierversuch als eindeutig krebserzeugend erwiesen haben. Asbest ist dort sogar in der Klasse III A 1 aufgeführt, bei den Substanzen, die ,,beim Menschen erfahrungsgemäß bösartige Geschwülste" auslösen können. Aber auch Benzol (noch immer mit bis zu fünf Prozent im Benzin enthalten), Nickelstaub und sogar die Stäube von Buchenholz und Eichenholz finden sich hier - natürlich bedeutet also nicht zwangsläufig immer auch gesund.

Doch auch in der neuen MAK-Liste, die soeben herauskam, sind künstliche Mineralfasern wie schon in den Vorjahren nur in Klasse III B eingestuft - als ,,Stoffe mit begründetem Verdacht auf krebserzeugendes Potential", bei denen erst noch abgeklärt werden muß, ob sie gefährlich sind. Außerdem sind nur Fasern erwähnt, die dünner als ein Tausendstelmillimeter sind, während man vom Asbest weiß, daß schon Fasern unter zwei Tausendstelmillimeter gefährlich sind.

Auf eine andere Einstufung konnte sich die Senatskommission unter Vorsitz des Würzburger Toxikologen Dietrich Henschler bisher nicht einigen. Ihr waren umfangreiche Einsprüche - teilweise über 2 000 Seiten stark - zugegangen, die die ehrenamtlich tätigen Gutachter kaum bewältigen können. Eine ursprünglich für den Herbst 1991 vorgesehene Sondersitzung zum Thema Mineralfasern mußte deshalb zunächst auf 1992 verschoben werden.

Rund 1,2 Milliarden DM setzte die Mineralfaserindustrie im vergangenen Jahr allein in den westlichen Bundesländern um - allen voran die Ludwigshafener Grünzweig und Hartmann AG (G+H) mit etwa 60 Prozent Marktanteil. Und das wirklich große Geschäft kommt erst: Hundertausende von Wohnungen in Deutschlands Osten nämlich müssen in den nächsten Jahren modernisiert werden, zudem möchte die Bundesregierung bis zum Jahre 2005 den Kohlendioxidausstoß um 30 Prozent senken. Das geht nur durch weniger Energieverbrauch und noch besser gegen Wärmeverluste isolierte Häuser.

,,Wir haben keine Veranlassung, unsere Produkte umzustellen", meint der Leiter der Technischen Entwicklung bei G~H, der Chemiker Hartmut Tiesler. Bei in der Glasfaserproduktion Tätigen sei keine höhere Lungenkrebsrate als in der Allgemeinbevölkerung festgestellt worden. Bei Tieren, die Mineralwollestaub einatmen mußten, seien Tumoren nicht aufgetreten, und außerdem verwende seine Firma ein Glas anderer Zusammensetzung als das von Pott getestete.

In der Tat sind die Versuche von Pott und Muhle nicht unumstritten. Diese hatten nämlich Geschwülste erzeugt, indem sie den Tieren Glasfasern direkt in Brust- oder Bauchfell einspritzten. Denn nach bloßem Einatmen ist bei Ratten selbst durch Asbestfasern kein Krebs zu erzeugen: Die nachtaktiven Tiere sind mehr auf ihren Geruchssinn als auf ihre Augen angewiesen. Entsprechend kompliziert ist ihre Nase aufgebaut - Fasern, ob aus Asbest, Glas oder Keramik, werden dort gleichsam wie in einem Filter ausgesondert, bei Menschen ist das nicht der Fall. Erst das Einspritzen in den Körper also macht es möglich, das Risiko beim Menschen abzuschätzen.

Allerdings wird auch von den Kritikern kein Verbot der Fasern verlangt, vielmehr sollen lediglich Grenzwerte für den Arbeitsschutz festgelegt werden. ,,Künstliche Fasern haben kein gleich hohes Risiko wie Asbest" meint auch Muhle. Die meisten haben ohnehin nicht die Größe, bei der Asbest Krebs hervorruft. Nur bei zehn Prozent, so der Mineralfaserverband, werde der Durchmesser von ein Tausendstelmillimeter unterschritten. Sie spalten sich auch nicht, wie der einstige Wunderstoff, in immer feinere Fäserchen auf. Setzt man die Grenze freilich wie bei Asbest mit zwei Tausendstelmillimeter an, dürfte der Anteil wohl wesentlich höher liegen.

Anders als Asbest lösen sich jedoch Mineralfasern im Körper nach einiger Zeit auf und verlieren damit ihre Gefährlichkeit. Bei Glasfasern ist das nach etwa einem Jahr der Fall, Steinwolle und Keramikfasern sind erheblich langlebiger - alle überdauern aber zu lange, um ein Krebsrisiko auszuschließen.

In den USA müssen denn auch neuerdings Aufkleber auf Glasfaser-Packungen auf die Krebsgefahr hinweisen. In Kalifornien unterschreiben Kunden gar beim Kauf, daß sie einen Stoff erworben haben, ,,von dem der Staat Kalifornien weiß, daß er Krebs erzeugt". Und mehr noch, dort hat der ehemalige Faser-Manager Richard Munson den Verein ,,Opfer der Glasfasern" gegründet, der mittlerweile eine Reihe von Klagen bei Gericht eingereicht hat.

Eine Neuigkeit aus Forschungslabors stimmt allerdings hoffnungsvoll: Glasfasern, die im menschlichen Körper schneller abgebaut werden, etwa schon innerhalb von zwei Monaten. Einen solchen Fasertyp hat die Leverkusener Bayer AG vor kurzem entwickelt und mittlerweile zum Patent angemeldet. Selbst wenn man die Fasern ins Bauchfell einspritzte, wucherten keine Tumoren, sie dürften also unschädlich sein. Ob Bayer die Erfindung selbst vermarkten oder Lizenzen vergeben wird, steht noch nicht fest.

Hubert J. Gieß (df)

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Der Deutsche Forschungdienst (df) war eine kleine, aber feine Wissenschaftsnachrichtenagentur in Bonn. Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten, auch bedingt durch das Aufkommen des Internets, mußte der df Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufgeben.