„Deutscher Edison“ ein Pionier der Nachrichtentechnik

Das Fernsehen ermöglicht und die Nachrichtenübertragung geprägt – Rund 30 Patente erworben – Erfinder Rudolf Hell jetzt 90

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in "Die Rheinpfalz", Dezember 1991, genaues Datum nicht mehr feststellbar)

3000 Mark hat der junge Mann in der Tasche, der da im April 1929 nach Berlin kommt. Mit dem Geld, dass er von seiner Mutter geerbt hat, will er eine eigene Firma gründen. 1929 eine eigene Firma gründen, mitten in der Wirtschaftskrise? Rund drei Millionen Arbeitslose gibt es, 18.000 Firmen machen jährlich bankrott, und jeder weiß, es wird noch schlimmer kommen.

Doch Dr. Rudolf Hell, der Neuankömmling, ist optimistisch. Schon 1925, mit 24 Jahren, hatte der Diplomingenieur sein erstes Patent angemeldet, das die Fachwelt aufhorchen ließ: Zusammen mit seinem Professor an der Technischen Hochschule München, Max Dieckmann, hatte er die „lichtelektrische Bildzerlegerröhre“ erfunden, die das Fernsehen überhaupt erst möglich machte. Damals freilich war man noch nicht in der Lage, die Erfindung auch zu nutzen.

Zwei Jahre später folgte dann ein „Direktzeigendes Funkpeilgerät“, mit dessen Hilfe sich Piloten auch bei Nacht und Nebel orientieren konnten – nur: bei Dunkelheit oder schlechtem Wetter flog zu der Zeit noch niemand. Immerhin brachte diese Arbeit Hell den Doktortitel ein.

Zur Welt gekommen ist Rudolf Hell am 19. Dezember 1901 in Eggmühl zwischen Regensburg und Landshut – sei Vater war dort Bahnhofsvorsteher. Eine amerikanische Zeitung hat den Erfinder einmal als „deutschen Edison“ bezeichnet, und das scheint nur wenig übertrieben. Nicht nur das Fernsehen wäre ohne ihn nicht möglich, auch wichtige Ideen zu den Faxgeräten stammen von ihm. Wenn heute die meisten Faxgeräte aus Japan kommen, „dann haben die deutschen Firmen geschlafen“, meint Hell, der in seinem Leben rund 30 Patente erworben hat.

Nach Berlin ziehen ihn 1929 die Ministerien und vor allem die Luftwaffenbehörde. Von ihnen erhofft Hell sich Aufträge. Der Anfang ist schwer. Doch schon 1931 gelingt ihm mit dem Patent Nr. 540849 für eine „Vorrichtung zur elektrischen Übermittlung von Schriftzeichen“, dem „Hell-Schreiber“, der große Wurf. Das Konzept dafür entwickelt der junge Forscher in einer halben Stunde. Bis dahin hatte man Nachrichten per Morsetelegraphie übermittelt. Dazu war allerdings geschultes Personal nötig. Auch gab es schon Fernschreiber, jedoch waren sie für den Funkverkehr nicht ausgereift genug.

Hells revolutionäre Idee ist es, die Buchstaben in viele Einzelpunkte zu zerlegen – zu digitalisieren – diese zu übertragen und beim Empfänger wieder in lesbare Zeichen umzuwandeln. Da jeder Einzelpunkt als einfacher Stromimpuls übertragen wird, ist sein Verfahren gegen Störungen unanfällig. Falsche Zeichen können erst gar nicht entstehen, allenfalls kann man ein Zeichen schlecht lesen, weil etwa der eine oder andere Punkt fehlt. Dieses Prinzip der Zerlegung in feine Punkte spielt fortan in allen Erfindungen Hells eine Rolle.

Die ersten Geräte kauft die Reichsbahn. „Dafür erhielt ich 5000 Reichsmark Anzahlung, damit kann ich erst einmal über die Runden“, erinnert sich Hell. Auch die Konkurrenten vom Fernschreiber-Hersteller Siemens erkennen schnell die Qualität der Geräte - für 13000 Reichsmark erwerben sie eine Nachbaulizenz. Innerhalb weniger Jahre setzen sich die Hell-Schreiber bei allen wichtigen Nachrichtenagenturen und Zeitungen der Welt durch. Bald beschäftigt Hell 12 Leute, einige Jahre später sind es schon rund 1000. Dem Krieg freilich kann auch er sich nicht entziehen: Die Schreiber bleiben zwar im Programm, werden aber zu Chiffriergeräten weiterentwickelt. Auch Zünder für Minen stellt Hell nun her.

1945 dann das Ende: Mit Hilfe eines befreundeten Obersten gelangt Hell nach Kiel, seine Fabriken in Ostdeutschland werden enteignet und demontiert. In Kiel fängt der Ingenieur neu an. Bald stellt er wieder Schreiber her – bis in die 60er Jahre zusammen rund 50 000 Stück, die Exportquote liegt bei über 50 Prozent. Sogar die Sowjets, die ihn enteigneten, kaufen bei Hell: „Einer von denen hat mir mal ein Buch gescheckt, und als ich es aufmachte, war eine Wodkaflasche drin versteckt.“ Auch ein von dem Erfinder neu entwickeltes Bildübertragungsgerät setzt sich bald durch.

Anfang der 60er Jahre entwickelt er dann ein Lichtsatzgerät. Kamen die früheren Bleisatzmaschinen allenfalls auf 8000 Buchstaben pro Stunde, so schafft Hells „Digiset“ mehrere Millionen – die wichtigste Neuerung der Drucktechnik seit ihrer Erfindung durch Gutenberg.

In der 70er Jahren zieht sich der Ingenieur aus seinem Unternehmen zurück, seine Anteile verkauft er an Siemens. Inzwischen gehört die Firma zur ebenfalls im Lichtsatzgeschäft tätigen Lynotype AG, die auf den Erfinder der ersten brauchbaren Bleisatzmaschine, den in die USA ausgewanderten Deutschen Otmar Mergenthaler, zurückgeht.