Comeback für Contergan

33 Jahre nach der großen Arzneimittelkatastrophe erwarten Ärzte neue Therapiechancen für Aids und Autoimmunerkrankungen

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in "Focus", Heft 18 / 1994, 2. 5. 1994, S. 146-150)

Ein Augenblick voll natürlicher Harmonie läßt uns wünschen, daß die Sekunde sich dehne. Doch . . . die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan." Mit diesem Werbevers und dem Zusatz "Mißbrauch und Schäden praktisch ausgeschlossen" rühmte die Pharmafirma Grünenthal ihren Bestseller der fünfziger Jahre.

Die pseudo-poetischen Anzeigentexte von damals haben auch heute, 33 Jahre nach dem Arzneimittelskandal, ihren makabren Beigeschmack nicht verloren. Der Name Contergan steht als Synonym für eine der größten Katastrophen der Medizingeschichte. Und doch feiert das Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid nun ein stilles Comeback:

· Mediziner entdecken Thalidomid als neue Therapiechance gegen die Immunschwächekrankheit Aids

· Amerikanische Wissenschaftler der Harvard Medical School berichteten Anfang letzter Woche, daß Thalidomid das Wachstum von Blutgefäßen hemmt. Sie sehen damit für die Zukunft eine Chance, Tumore zu stoppen und bei bestimmten Augenkrankheiten eine Erblindung zu verhindern

· Die US-Firma Celgene testet Thalidomid bei Tuberkulose

· Sogenannte Autoimmunerkrankungen, Immunreaktionen, die sich gegen den eigenen Körper richten, aber auch schwere Entzündungen der Schleimhaut werden bereits seit einigen Jahren vereinzelt mit Thalidomid behandelt.

Deutschland, Ende der fünfziger Jahre: Immer häufiger werden Kinder mit verkrüppelten Armen, ohne Beine oder mit verkümmerten Hüftknochen geboren. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Die Lösung fand der Ham- burger Kinderarzt Widukind Lenz: Die Mütter hatten während der Frühschwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan mit dem schädlichen Wirkstoff Thalidomid eingenommen.

Lenz alarmiert den Hersteller, doch der zögert, das hochprofitable Mittel vom Markt zu nehmen. Erst am 27. November 1961 zieht er es zurück. Etwa 5000 Kinder wurden in Deutschland Opfer von Contergan, weltweit rechnet man mit zehn- bis zwölftausend ThalidomidGeschädigten. Ein Drittel der Kinder, so schätzt man, starb bereits im Kindes- alter. Für die rund 2600 Überlebenden Deutschen - sie nennen sich selbst Contis - erbrachte der große Contergan-Prozeß eine Monatsrente von weniger als 900 Mark und ein paar tausend Mark Entschädigung.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit begann bereits 1964 die erste Renaissance des Wirkstoffs. Damals verabreichte der israelische Forscher Jacob Sheskin einer schmerzgeplagten Leprapatientin Thalidomid als Beruhigungsmittel und beobachtete, daß das Fortschreiten der Krankheit gestoppt wurde. Thalidomid, so zeigten die darauffolgenden Studien, lindert erfolgreich die Symptome des Erythema nodosum leprosum (ENL), einer Hautkrankheit, die bei Lepra auftritt.

Seitdem wenden Ärzte das Mittel bei Zehntausenden von Leprakranken weltweit an. Grünenthal verschenkte nach dem Skandal ihre Restbestände tonnenweise an die Dritte Welt. Auf mehr als drei Millionen schätzt die Weltgesundheitsorganisation die Zahl der Leprakranken, allein in Brasilien sind es rund 280 000. Dort ist das Mittel - wie in über dreißig weiteren Staaten - offiziell zugelassen und darf unter ärztlicher Aufsicht abgegeben werden.

Doch Komplikationen blieben nicht aus: Reporter der britischen Fernsehgesellschaft Yorkshire-TV entdeckten in Brasilien den kleinen Luiz und über 20 weitere Kinder leprakranker Mütter mit den charakteristischen Mißbildungen. Die brasilianische Regierung hatte dies zunächst bestritten.

Obwohl man weltweit bereits von 1000 neuen Thalidomidfällen spricht, wollen die Lepraärzte nicht auf das Medikament verzichten. Jürgen König vom Armauer-Hansen-Institut, einem Lepra-Forschungszentrum in Würzburg: "Der Nutzen überwiegt. Ohne Thalidomid würden Tausende Kranke erblinden oder verkrüppeln." An gebärfähige Frauen dürfe Thalidomid nur abgegeben werden, wenn eine Schwangerschaft ausgeschlossen sei. Die Gesundheitsbehörden müßten dies kontrollieren. Bei Projekten, die das Deutsche Aussätzigen-Hilfswerk betreue, hätte es keine Fälle von Mißbildungen gegeben, betont er. Aber: "Die Brasilianer stellen das Mittel selbst her, teilweise ist es frei verkäuflich", erzählt König. Das Problem ist außerdem, daß "Arme-Leute-Ärzte in den Slums oft ungenügend ausgebildet sind".

Nicht nur in der Dritten Welt, auch in westlichen Industrienationen beginnt Thalidomid nun wieder populär zu werden. Spektakulärstes Anwendungs- gebiet: die Immunschwäche Aids. "Es ist schon seltsam", so der Arzt und Thalidomid-Experte Volkmar Günzler aus Marburg, "daß ausgerechnet ein Medikament, das für eine der größten von Menschen verursachten medizinischen Katastrophen dieses Jahrhunderts verantwortlich ist, nun ausgerechnet bei HIV-Infektionen helfen könnte."

Erste Studien: Die Immunologin Gilla Kaplan von der Rockefeller University in New York verabreichte 1993 die Droge 17 Aidspatienten. Bei 16 konnte Thalidomid die Vermehrung des Virus hemmen. Sie nahmen an Gewicht zu, und ihre Geschwüre verschwanden.

Auch an einigen deutschen Kliniken starteten nun Ärzte im letzten Jahr erste Therapieversuche. Am Krankenhaus München Schwabing testet Thomas Kaliebe die Thalidomid-Therapie bei Geschwüren an Schleimhäuten, einer Folge der HIV-Infektion (s. Interview Seite148).

Der Arzt Volkmar Günzler hingegen bemängelt, daß breite klinische Studien zu Aids und Thalidomid fehlen. "Aufgrund der vorliegenden Daten kann man nämlich nicht ausschließen, daß Thalidomid den Zustand des Immunsystems sogar noch verschlechtert", sagt er. Außerdem riskiere man Nervenentzündungen.

Und Kai Zwingenberger von der Firma Grünenthal fürchtet, daß HIV-infizierte drogensüchtige Frauen während einer Schwangerschaft Thalidomid einnehmen und Kinder zur Welt bringen könnten, die behindert sind: "Die haben sich nicht immer unter Kontrolle, und dann ist es passiert."

Thalidomid ist in Deutschland nicht "verkehrsfähig" und darf vom Arzt nur in Ausnahmefällen verordnet werden. Doch bei Grünenthal wird weiter Thalidomid produziert. Klaus Wilsmann, der medizinische Direktor der Firma gibt zu: "Ja, wir stellen das noch her." Bis zu einer Million ihrer Tabletten werden pro Jahr in Absprache mit der WHO "weltweit kostenlos abgegeben". Die Gesundheitsbehörden der Länder übernehmen die Verantwortung.

Immerhin gibt es nun erste Hinweise auf die Wirkungsweise des Skandalmedikaments. Gilla Kaplan fand in Laborversuchen heraus, daß Thalidomid die Synthese des Tumornekrosefaktors hemmt. Dieser wichtige Signalstoff für Immunzellen hat, laut Kaplan, auch Einfluß auf Viren. Thalidomid könnte somit die HIV-Vermehrung stoppen.

Bei Experimenten an der Hornhaut von Kaninchenaugen lieferten Forscher aus Harvard erstmals auch eine Erklärung für die Mißbildungen während der Fötusentwicklung: Thalidomid verhindert die Neubildung von Blutgefäßen.

Hoffnungen setzt man für die Zukunft in Verwandte des Thalidomids. Wunschtraum der Moleküldesigner bei Celgene: ein Molekül, das besser wirkt, aber keine Mißbildungen hervorruft. Doch dieser Versuch ging schon einmal schief. Grünenthal hatte unter der Bezeichnung EM 12 ein Präparat hergestellt, das ein Sauerstoffatom weniger hatte - es war noch gefährlicher.