Öko-Flop in Frankfurt

Zweiter Deutscher Umwelttag – Tausend Ideen, aber noch fehlt der intensive Dialog zwischen Umweltschützern und Industrie

Von Hubert J. Gieß

(erschienen in „Rheinischer Merkur“, 25. September 1992)

Der Koch der vegetarischen Imbissbude „Bioase“ ist sauer: „Achttausend Portionen unseres Grünkern-Tofu könnten wir hier am Tag loswerden, haben uns die Leute vom Umwelttag gesagt.“ Doch an seinem Stand vor der alten Oper in Frankfurt hat er an diesem Samstagabend bis zehn Uhr nicht einmal dreitausend verkauft. Die letzten noch warmen Portionen verschenkt er an späte Flaneure, die meist gar nicht wissen, welche Veranstaltung gerade stattfindet. Ähnlich geht es den drei Öko-Winzern, die außer den Standgebühren allein für den Wasser- und Stromanschluß mehr als sechshundert Mark Pauschale zahlen mußten.

Von den hunderttausend Besuchern, die der zweite Deutsche Umwelttag (DUT) vom 18. bis 22. September nach Frankfurt locken sollte, ist in der Innenstadt wenig zu spüren. Und in den Messehallen sah es tagsüber nicht besser aus. Die wenigen Besucher von „Ökopolis – die Stadt der Zukunft“ verloren sich fast in den Gängen. Und auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker musste sich bei der Eröffnung auf dem Römerberg mit kleinem Publikum zufrieden geben: Statt zehntausend lauschten nur etwa achthundert Zuhörer seiner Rede.

Die Besucherbilanz ist traurig: Statt der erwarteten 35.000 zahlenden Besucher ließen sich nur siebzehntausend vom DUT-Motto „Kommen, Streiten, Handeln“ aufs Messegelände locken, ein Großteil davon Frankfurter Schüler mit Freikarten – sie hatten am Montag schulfrei. So wird wohl ein Loch von fast einer Million Mark in der Kasse der Veranstalter bleiben. Wer das trägt, ist noch unklar.

Mit Schuld am finanziellen Reinfall ist ein beispielloses organisatorisches Chaos: In der Stadt wurde kaum auf die Veranstaltung hingewiesen, Programm und Ausstellungskatalog wurden erst am Eröffnungstag fertig und steckten zudem voller Fehler. Von den geplanten mehr als zweihundert Diskussionsveranstaltungen und Vorträgen fiel rund ein Drittel aus oder wurde kurzfristig in andere Räume verlegt. Und nicht selten erschienen andere Referenten als im Programm ausgedruckt.

Dabei war das Konzept der Veranstaltung bestechend: Anders als beim ersten Umwelttag, 1988 in Würzburg, wo die Ökologiebewegung weitgehend unter sich geblieben war, sollte es in Frankfurt einen Dialog zwischen Industrie und Umweltschützern geben – und den sollte die Industrie durch ihre Stände auf dem Messegelände und durch Sponsorengelder auch noch weitgehend bezahlen.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker ließ sich für die Eröffnungsfeier gewinnen, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte die Schirmherrschaft übernommen, auch die Minister Klaus Töpfer, Jürgen Möllemann, Irmgard Schwätzer und Norbert Blüm hatten ihr Kommen zugesagt. Jürgen Möllemann erschien dann nicht einmal zur Podiumsdiskussion über den „Aufbruch in die öko-soziale Marktwirtschaft“ – ein Fußballspiel mit Schalke 04 war im wichtiger. Auch Bauministerin Schwätzer, Arbeitsminister Blüm und die Schirmherrin Süssmuth ließen sich nicht blicken. Übrig blieb Umweltminister Töpfer.

Einigen der dreizehn Trägervereine des Umwelttages – neben den wichtigsten Umweltverbänden wie dem Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) und dem Deutschen Naturschutzring (DNR) waren auch der Deutsche Gewerkschaftsbund und der deutsche Sportbund mit von der Partie - war die Ökomesse von Anfang an zu industrielastig. Deshalb lehnten es Greenpeace und Robin Wood ab, den DUT mitzutragen; der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) schied aus wegen der Teilnahme des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), der Elektrizitätsunternehmen, des Dualen System Deutschland (Grüner Punkt) und des Informationsdienstes Kernenergie.

Wer neben seinen Standgebühren auch noch Sponsorengelder zahlte, wie etwa der VCI (fünfzigtausend Mark), durfte mit dem Umwelttags-Logo werben. Die Industrie, so ein Vorwurf des BUND, missbrauche die Messe auf diese Weise als gezielte Öko-Marketing-Veranstaltung. Der Verein hatte deshalb vom Vorstand des DUT gefordert, zumindest den Informationskreis Kernenergie, der sich für den Atomstrom einsetzt, wieder auszuladen. Andernfalls werde sich der BUND zurückziehen – der Vorstand gab nach.

Der hessische Umweltminister Joschka Fischer bezeichnete die Entscheidung in seiner Eröffnungsrede als falsch: „Wir haben die besseren Argumente, wir sollten deshalb selbstbewusst genug sein, auch Vertreter der Atomlobby zu ertragen.“ Für den Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) war der Ausschluß Anlaß, sich seinerseits zurückzuziehen. Auch die Automobilbranche, einer der Hauptgegner der Umweltschützer, war – bis auf die Firma Peugeot, die ein Elektromobil vorstellte – nicht vertreten.

Die Querelen hatten sich zugespitzt, als der Geschäftsführer des Umwelttages, der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär Wolfgang Weinz, vor einigen Wochen der Frankfurter Rundschau zu Protokoll gab, das „Glaubwürdigkeitsgesülze“ der Ökologiebewegung gehe ihm „auf den Keks“, sie müsse „raus aus der Müsli-Ecke“. Ohne Sponsoren aus der Industrie sei eine solche Großveranstaltung nicht zu machen, schließlich gehe es nicht um „irgendeine Körner- oder Kräutermesse“.

Von solch harschen Tönen fühlten sich die rund dreihundert ehernamtlichen Helfer der Trägerorganisationen beleidigt. Der wissenschaftliche Beirat des BUND forderte deshalb wenige Tage vor der Ökomesse die Entlassung von Wolfgang Weinz – der dann doch blieb.

Auch die kleineren Umweltinitiativen fühlten sich übergangen. Sie gründeten den „DUT von unten“, der täglich die Zeitung „verDUTzt“ herausgab. Deren Redakteure, offensichtlich gut informiert, legten denn auch alle Schwächen bloß.

Auch wenn der ursprünglich angepeilte Dialog zwischen Industrie und Umweltbewegten, die immer wieder beschworene „Streitkultur“, auf der Strecke blieb, auch wenn die Ökomesse nicht Neues brachte – die Solarzellen, Spülmobile, Elektroautos und Büchertische hatte man alle schon mal woanders gesehen - , nicht alle Aussteller und Besucher waren unzufrieden. Gewiß sei sie enttäuscht über den mäßigen Besucherzuspruch, sagt Angelika Christ vom VCI, aber sie habe doch „viele konstruktive Gespräche“ geführt. Und auch Petra Rob vom Grünen Punkt hatte „sehr konstruktive Auseinandersetzungen“. Als ihr eine Gruppe junger Leute lauter Verpackungsmüll auf dem Stand ablud, geriet sie nicht aus der Fassung – „das bin ich schon gewohnt“ -, sondern drückte jedem der Jugendlichen ein Mikrofon in die Hand und ließ sie reden. Die jungen Leute sehen das freilich anders: Ihnen sei der Strom fürs Mikro abgedreht worden, behaupten sie. Die „Müll-Lobby“ habe eine wirkliche Auseinandersetzung nicht gesucht.

Hugo Jung von der Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft bemängelte die hohen Messe-Eintrittspreise – achtzig Mark für alle Tage, allerdings einschließlich freier Fahrt im Frankfurter Stadtgebiet und Schlafplatz in Turnhallen oder Zelten. Seiner Ansicht nach gab es zu viele Veranstaltungen, und „die Beschilderung war chaotisch“. Andreas Kühn von der Grünen Liga, einer ostdeutschen Umweltorganisation, hatte „einen schlechten Eindruck. Die Veranstalter lassen sogar Papierteller und Plastikbecher zu.“

Bei den Forderungen zur Umgestaltung der Wirtschaft waren die Umweltschützer wieder unter sich. Inzwischen stehen allerdings, anders als früher, die Gewerkschaften auf ihrer Seite. „Umweltschutz kostet keine Arbeitslätze“, so der DGB-Vorsitzende Heinz-Werner Meyer.

Die Ergebnisse des Umwelttages fasste Maximilian Gege vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.), einem Zusammenschluß mittelständischer Unternehmen, so zusammen: Nötig seinen ökologiegerechte Preise und eine jährliche Anhebung des Energiepreises – eine Forderung, die ähnlich auch Bundespräsident von Weizsäcker ins einer Eröffnungsrede aufgestellt hatte. Maximilian Gege plädierte für intelligente, in sich geschlossene Produktionsprozesse, die vierzig Prozent Energie und ebensoviel Wasser einsparen könnten. Er sprach sich für ein umweltorientiertes Management aus und für Ökobilanzen in allen Firmen – derzeit enthalte das Bruttosozialprodukt zwischen hundert und 475 Milliarden Mark Umweltkosten, die nirgendwo auftauchen. Nicht zuletzt müßten die Gesetzbücher mit ihren rund 16 000 Umweltgesetzen und –bestimmungen gründlich entrümpelt werden.

Ob allerdings Ökobilanzen den Beifall der Umweltbewegung finden werden, muß sich erst zeigen. Derzeit erstellen die Fraunhofer-Institute im Auftrag des Umweltbundesamtes solche Bilanzen für verschiedene Verpackungsmaterialien. Dabei wird die Umweltverträglichkeit eines Produkts von der Gewinnung des Rohstoffes bis zur Wiederverwertung oder Entsorgung beurteilt. Ergebnisse werden zum Jahresende erwartet, doch war am Rande des Umwelttages zu hören, dass alles darauf hindeutet, dass Einwegverpackungen gar nicht so schlecht abschneiden werden, weil etwa für das Spülen von Mehrwegflaschen ein hoher Aufwand an Energie und Wasser nötig ist. Neue Auseinandersetzungen zwischen Umweltbewegung und Industrie sind also abzusehen.