Wenn der Mond am 11. Juli in Mexiko die Sonne verschluckt...

Finsternis für Wissenschaftler ein Glücksfall – Fülle von Ergebnissen erwartet – Faszinierendes Naturschauspiel zieht Touristenströme an – Alle Hotelzimmer ausgebucht

Von Hubert J. Gieß

(erschienen in "Die Rheinpfalz", Nr. 157, 10 Juli 1991)

Wer jetzt noch dabeisein sein will, wird es schwer haben: Schon seit Herbst 1989 sind alle Hotelzimmer ausgebucht, auch Mietwagen sind nicht mehr zu bekommen. Selbst die, die noch Glück hatten, müssen auf Hawaii bis zu 500 Dollar die Nacht berappen und auf der zu Mexiko gehörenden Halbinsel Baja California gar 125 Mark für ein Zweimannzelt auf den Tisch legen. Und das, obwohl man im mexikanischen La Paz eigens neue Hotels errichtet hat.

Freilich, die Preise gelten nur für die Woche rund um den 11. Juli. Für diesen Tag nämlich werden auf der Pazifikinsel und in dem mittelamerikanischen Land rund 300 000 Besucher erwartet. Festlandamerikaner vor allem, aber auch Japaner und an die tausend Deutsche. Ein spektakuläres astronomisches Ereignis zieht sie alle an: die mit sechs Minuten und 56 Sekunden drittlängste totale Sonnenfinsternis dieses Jahrhunderts.

Am 11. Juli bei Sonnenaufgang geht es südwestlich von Hawaii los: Der Mond schiebt sich zwischen Sonne und Erde, sein bis zu 260 Kilometer breiter Schatten wandert dabei mit nahezu doppelter Schallgeschwindigkeit über die Insel und das Meer, bevor er bei Baja California wieder Land berührt. Von hier läuft er weiter über Mexiko, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Panama und Kolumbien, bis er sich bei Sonnenuntergang südlich von Brasilia im Urwald verliert.

Für die Wissenschaftler ist diese Finsternis ein Glücksfall, führt die Totalitätszone doch mitten über das Sonnenobservatorium auf dem Hawaiischen Vulkan Mauna Loa, über ein weiteres Observatorium auf dem benachbarten Mauna Kea (es gilt als bestbestücktes der Erde) und über mehrere zentralamerikanische Hauptstädte mit ihren astronomischen Universitätsinstituten. So brauchen sie nicht wie sonst teure und schwere Geräte herumzuschleppen. Damit sie bei ihren Untersuchungen nicht gestört werden, haben die Forscher die Zufahrten zum Mauna Loa und Mauna Kea vom amerikanischen Nationalfeiertag, dem 4. Juli an, für Nichtwissenschaftler gesperrt. Die Präzisionsinstrumente würden schon durch die Erschütterungen der Fahrzeuge beeinträchtigt, Meßwerte durch die Abgase verfälscht. „Auch wenn jemand noch so viele Doktortitel hat, wenn er nur ein paar Fotos für ein Lehrbuch machen will, dann ist er ein Tourist und kommt hier nicht 'rauf“, meint ein Astronom der Universität Hawaii.

Die Fachleute erwarten eine Fülle von Ergebnissen. So wird nach der Relativitätstheorie von Albert Einstein Licht durch das Schwerefeld der Sonne abgelenkt – ein Stern scheint an einem anderen Ort zu stehen, als es wirklich der Fall ist. Dieser Effekt kann nur während einer Sonnenfinsternis beobachtet werden, weil nur dann Sterne in Sonnennähe sichtbar sind. Man wird ihn diesmal genauer als je zuvor bestimmen können.

Auch die exakte Dauer der Finsternis wird auf Bruchteile einer Sekunde gemessen, da man von ihr auf eine Veränderung des Sonnendurchmessers zurückschließen kann. Man will so prüfen, ob die Erde wirklich schrumpft, wie es der Astronom Eddy behauptet. Ebenso lassen sich Störungen der Mondbahn und Unregelmäßigkeiten der Erdrotation auf diese Weise aufdecken.

Aber es sind nicht nur ihre Experimente, an die die Wissenschaftler bei einer Sonnenfinsternis denken: Wie jeder andere werden auch Sie von der eigenartigen Faszination ergriffen, die von ihr ausgeht. Wenn der Himmel dunkel wird, nimmt er eine seltsame grünliche Tönung an. Dann nähert sich von Westen ein wolkenartiges Gebilde, der Mondschatten. Rasch wird es merklich kühler, die Vögel verstummen und lassen sich zum Schlafen nieder, manche Blüten schließen sich und sogar der Wind wird ruhiger.

Bevor die Sonne verschwindet, gehen ihre Strahlen noch an den höchsten Mondbergen vorbei und sehen dabei aus wie eine Perlenschnur. Dann umgibt nur noch der blasse Lichterkranz der Korona die Sonne, die Erde ist in Dunkelheit gehüllt. Es ist etwa so hell wie bei Vollmond. Hin und wieder kann man Protuberanzen sehen, gewaltige leuchtende Gasmassen, die von dem Zentralgestirn bis zu eine Million Kilometer hoch in den Weltraum geschleudert werden.

Die großen Planeten Venus und Jupiter, Merkur und Mars, und auch die hellsten Sterne werden sichtbar. Nach wenigen Minuten endet das Himmelsschauspiel. Schon wird das erste Mondtal wieder von einem Sonnenstrahl durchquert, und für einen Moment sehen Sonne und Mond wie ein Diamantring aus. Dann wird es schnell heller, die Temperatur steigt und die Vögel fangen wieder an zu zwitschern.

„In solchen Augenblicken ist es schon öfter passiert, dass ein Wissenschaftler vor Begeisterung seine Experimente vergaß“, meint Alvo von Alvensleben vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg.

Die Faszination einer Sonnenfinsternis hat man auch beim ZDF erkannt. Unter dem Motto „Der Tag der schwarzen Sonne“ wird Joachim Bublath morgen von 20 bis 21 Uhr und dann noch einmal kurz von 21.30 bis 21.45 Uhr live aus Mexiko berichten.

Wer freilich in Deutschland eine totale Sonnenfinsternis beobachten will, der muß sich bis zum 11. August 1999 gedulden. Dann allerdings wird sich die Sonne nur für zwei Minuten und 23 Sekunden verdunkeln. Danach ist es erst am 7. Oktober 2135 wieder so weit; vier Minuten und 50 Sekunden wird an diesem Tag der Mond die Sonne völlig bedecken. Schon vorher jedoch kann man zwei ringförmige Sonnenfinsternisse sehen. Die erste am 23. Juli 2093 dauert fünf Minuten und 33 Sekunden. Eine partielle Sonnenfinsternis ist hingegen schon am 21. Mai 1993 zu beobachten.