Verhaltensforschung: Theorie ohne Wert?

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in „Psychologie heute“, Heft Juli 1993, Seite 9-10)

Eigentlich wollte Ursula Eypasch nur einen Versuch des Verhaltensforschers Nikolaas Tinbergen (1907-1988) wiederholen, der seit Jahren in jedem Schulbuch zu finden ist. Doch die jungen Silbermöwen, die die Bonner Biologin untersuchte, reagierten ganz anders als der Altmeister behauptet hatte – nun müssen möglicherweise die Lehrbücher umgeschrieben werden. Mit dem bis zu seinem Tode in Oxford lehrenden Holländer ist auch sein Kollege Konrad Lorenz in die Diskussion geraten. Die beiden hatten 1973 gemeinsam mit Karl von Frisch den Nobelpreis für Medizin erhalten.

Silbermöwenküken, so wollte Tinbergen bei Attrappenversuchen herausgefunden haben, erkennen ihre Eltern am roten Fleck auf dem gelben Schnabel und betteln um Futter, indem sie diesen anpicken. Hält man ihnen einen Vogelkopf aus Pappe mit grünem Schnabelfleck vor, betteln die Küken rund ein Drittel weniger. Fehlt der Fleck ganz, geht die Reaktion gar um drei Viertel zurück. Ein roter Schnabel tut es auch, auf andere Schnabelfarben sprechen die Tiere nur halb so häufig an. Die Kopffarbe spielt hingegen keine Rolle: ob grün oder blau, ob schwarz oder weiß, immer picken laut Tinbergen die Küken zu, wenn nur der Schnabel einen roten Fleck trägt.

Dieses Verhalten ist nach Tinbergen den Jungvögeln angeboren, sie reagieren auf einen Schlüsselreiz. Ein solcher Schlüsselreiz sei unverwechselbar und in der natürlichen Umwelt des Tieres sehr spezifisch, so die Theorie. Andernfalls nämlich würden Jungtiere auf alle möglichen Reize in ihrer Umgebung reagieren und könnten so leicht zur Beute werden.

Die von Eypasch gestesteten Küken kannten die Tinbergen-Veröffentlichungen offensichtlich nicht – jedenfalls hielten sie sich nicht daran. Was immer ihnen die Bonnerin auch vorhielt, ob eine Attrappe mit blau-grün geringeltem Schnabel, ein gelbes Dreieck oder auch nur eine Kugelschreibermine – sie pickten danach. Die Versuche von Tinbergen ließen sich nicht reproduzieren.

Die Verhaltensforscherin fand such den Grund dafür: Tinbergen hatte den Küken nacheinander verschiedene Attrappen in wechselnder Reihenfolge jeweils 30 Sekunden vorgehalten und das Picken gezählt. Ein schwerer methodischer Fehler, wie Eypasch und ihre Mentorin, die Bonner Ethologie-Professorin Hanna-Maria Zippelius meinen. Denn die Bereitschaft zuzupicken, hängt von vielen Faktoren ab. Satte Tiere etwa picken weniger häufig als hungrige. Und auch die verlieren bald das Interesse, weil der Hunger gestillt ist oder auch, weil sie kein Futter bekommen, sich das Betteln also nicht lohnt. Ob ein Verhalten angeboren oder erlernt ist, lasse sich so gar nicht entscheiden.

Eine angeborene Bevorzugung, so Eypasch und Zippelius, könne man vielmehr nur erkennen, wenn unerfahrene, isoliert aufgezogene Küken zwischen zwei unterschiedlichen Attrappen, die ihnen gleichzeitig vorgehalten werden, wählen dürfen. Um Lernvorgänge auszuschließen, dürfe jedes Küken zudem nur für einen einzigen Versuch benutzt werden.

Doch auch in einem solchen Zweifach-Wahlversuch bevorzugten die Küken die gelbe Attrappe mit dem roten Fleck nicht. „Die Silbermöwen haben kein angeborenes Bild im Sinne von Tinbergen und Lorenz, sondern testen einfach alles aus, was durch Farbe, Form, Kontrast oder Musterung auffällt“, so Eypasch. Schon nach ein bis zwei Fütterungen können die Tiere die entsprechende Attrappe wiedererkennen. Was farblich besonders auffällt, wird etwas schneller gelernt. Fazit: Schlüsselreize im Sinne von Lorenz gibt es nicht.

Eine Feststellung mit weitreichenden Folgen. Denn der Tinbergen-Versuch ist einer der Pfeiler der Motivationstheorie von Konrad Lorenz, dem Urvater der Verhaltensforschung.

Und die wurde immer auch benutzt, um menschliches Verhalten zu erklären. Lorenz selbst hatte dies „die wichtigste Aufgabe“ seines Faches genannt. Die entscheidende Frage dabei: was ist erlernt, was ist angeboren? Umwelt oder Gene, was ist wichtiger?

Lorenz verstand es auf unnachahmliche Art, seine vorgeblichen Erkenntnisse zu popularisieren. Von ihm geprägte Begriffe wie Leerlaufhandlung, Kindchenschema, Übersprungshandlung, Schlüsselreiz, überoptimaler Auslöser, Kommentkampf sind längst in die Umgangssprache übergegangen. Doch genaue Untersuchungen entlarven die schönen Worte als leere Hülsen.

Nach Meinung von Hanna-Maria Zippelius stehen wichtige Behauptungen der klassischen Verhaltensforschung auf tönernen Füssen. In einem kürzlich erschienen Buch* geht sie mit ihrer Zunft hart ins Gericht: „Der Anspruch von Lorenz, seine Theorie sei allgemeingültig, ist ebenso vermessen wie die Behauptung, dass Experimente diese Theorie stützen.“ Denn wie das Silbermöwen-Experiment sind auch weitere Paradeversuche in ihren Ergebnissen nicht bestätigt worden.

Für Zippelius sind daher viele Aussagen der klassischen Verhaltensforschung ohne Wert, eine neue Motivationstheorie ist ihrer Meinung nach nötig. Dabei erkennt sie die Verdienste von Niko Tinbergen und Konrad Lorenz durchaus an: „Ohne die beiden gäbe es keine Verhaltensforschung. Aber die Methoden von Tinbergen entsprechen dem Wissensstand von vor 50 Jahren. Doch wenn man genau hinsieht, springen einem die Fehler der früheren Versuche ins Auge. Ich verstehe nicht, warum die Ergebnisse von damals ungeprüft immer wieder in neue Lehrbücher übernommen werden.“ Mit anderen Worten: Ob richtig oder falsch, einer schreibt beim anderen ab.

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* Hanna-Maria Zippelius, "Die vermessene Theorie - Eine kritische Auseinandersetzung mit der Instinkttheorie von Konrad Lorenz und verhaltenskundlicher Forschungspraxis", Vieweg-Verlag, Wiesbaden, ISBN 3-528-06458-7