Die heile Südseewelt war immer eine blanke Illusion

Von Hubert J. Gieß

(Erschienen in der „Frankfurter Rundschau“, Samstag, 30. 11. 1991)

Wohl keine Gegend der Erde beschäftigt die Sehnsüchte und Träume zivilisationsmüder Menschen mehr als die Südsee. Hierfür gibt es viele Gründe, die Untersuchungen der amerikanischen Völkerkundlerin Margaret Mead etwa oder das Kultbuch „Der Papalagi“, das vor einigen Jahren eine Millionenauflage erreichte. Aber auch die Südsee ist nicht mehr, was sie einmal war, und mehr noch: Sie ist niemals das gewesen, als was sie sich in den Köpfen der Europäer und Amerikaner dargestellt hat.

So hatte Margaret Mead 1928 in ihrem Buch „Kindheit und Jugend in Samoa“ eine geradezu paradiesische Gesellschaft beschrieben, in der die Menschen sorglos und ohne Aggressionen lebten, die Jugend frei und ohne Zwänge heranwachse und die jungen Mädchen unverkrampft ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammelten. Folglich, so die Forscherin, gebe es dort weder Neurosen noch Komplexe, und auch Gewalttaten, Mord und Selbstmord seien unbekannt. Die Samoaner schilderte sie als „eines der liebenswertesten, friedfertigsten und am wenigstens streitsüchtigen Völker der Welt“. Ihr Buch wurde in der wissenschaftlichen und auch in der Laienwelt ein Riesenerfolg, da es Erziehungsideale und Strömungen der westlichen Gesellschaft widerspiegelte, die mit der Psychoanalyse aufgekommen waren und diese gleichsam bestätigten.

Damit hatte die damals 23jährige Margaret Mead eines der größten wissenschaftlichen Missverständnisse unseres Jahrhunderts produziert. Denn die Wirklichkeit war anders, wie der australische Anthropologe Derek Freeman schon vor einigen Jahren nachwies. Das vermeintlich freie Volk litt ebenso an „Zivilisationskrankheiten“ wie die Bewohner der Industrieländer, Kinder und Jugendliche hatten drakonische Erziehungsmaßnahmen zu erdulden, und der Jungfräulichkeitskult „wird dort womöglich weiter getrieben als in jeder anderen der Anthropologie bekannten Kultur.“

Es stellte sich heraus, dass die vollkommen unerfahrene Margaret Mead der Landessprache nahezu unkundig war; statt in einer samoanischen Großfamilie hatte sie auf einer nahegelegenen amerikanischen Flottenbasis im Hause eines Marine-Apothekers gelebt, und auch das Essen der Einheimischen schlug ihr so auf Magen und Darm, dass sie ihre Befragung einiger Dutzend Teenager manchmal kaum durchstehen konnte.

Im „Papalagi“ schildert der samoanische Häuptling Tuiavii aus Tiavea seine Eindrücke einer Reise zu den Weißen, den Papalagi, und hält deren Zivilisation den Spiegel vor. Doch in Wirklichkeit stammt das Buch nicht von diesem edlen Wilden, sondern von dem Deutschen Erich Scheurmann, einem frühen Aussteiger. Der hatte 1914 für einige Monate auf der Inselgruppe gelebt, deren Westteil damals eine deutsche Kolonie war. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs von den Neuseeländern interniert, durfte er 1915 in die USA ausreisen. Von dort kehrte er 1918 nach Deutschland zurück. Doch die vorgeblich freie Erziehung der Samoa-Insulaner mochte auch Scheurmann so nicht praktizieren: Der nach seiner Rückkehr als Lehrer Tätige fiel mehr durch die Schlagkraft seiner Hände als die seiner Argumente auf, dem „Nationalsozialismus“ Hitlers stand der frühe Grüne durchaus aufgeschlossen gegenüber.

Jetzt haben die beiden Wissenschaftler Harlich H. Stavemann vom Institut für Integrative Verhaltenstherapie in Hamburg und Johann C. Thieme, Leiter des Psychiatrischen Dienstes West-Samoas und am Krankenhaus der Inselhauptstadt Apia tätig, unserem Samoa-Bild eine weitere Facette hinzugefügt: Der pazifische Inselstatt leidet unter der bei weitem höchsten Selbstmordrate junger Menschen in der Welt, von 100 000 Männern der Altersklasse zwischen 15 und 24 Jahren bringen sich dort jedes Jahr 95 um, von den 25- bis 34jährigen gar 130 auf 100 000, mehr als dreimal soviel wie im nächstfolgenden Land der Selbstmordstatistik. Dies erklärten die Forscher am Rande des jüngst in Hamburg zu Ende gegangenen Kongresses zum Thema Selbstmord.

Noch 1976 hatte die Selbstmordrate in Samoa unter dem Weltdurchschnitt gelegen, bevor sie sich innerhalb kurzer Zeit vervierfachte. Bei über vier von fünf Selbstmorden wird das Pflanzenschutzmittel Paraquat benutzt, das einen besonders langsamen und grauenvollen Tod hervorruft. Die Mehrzahl der freiwillig aus dem Leben Scheidenden stammt aus den etwa 360 Dörfern der Inselgruppe, die Städte sind kaum betroffen.

Nur 19 dieser Dörfer stellen mehr als die Hälfte alle Selbstmörder. In ihnen gehören fast 40 Prozent der Bevölkerung dem Häuptlingsadel an. Häufig ist ein Konflikt mit den Eltern oder eine Zurechtweisung der Auslöser der Tat. Dennoch haben die Wissenschaftler bisher keine Erklärung für die Selbstmordwelle, die auf das seit 1962 selbständige West-Samoa beschränkt ist; im östlichen teil der Inselgruppe, die zu den Vereinigten Staaten gehört, ist ein größerer Anstieg bisher ausgeblieben.

Einige Versuche, diesen Sachverhalt zu erklären, gibt es jedoch bereits. Ein Selbstmord ist nämlich immer eine Aggression nach innen; wäre eine Aggressionsabfuhr nach außen möglich, wäre er oft zu vermeiden. Doch gerade hier scheint es in Samoa zu hapern: Die jungen Leute können ihre Gefühle nicht ausdrücken, sie sind blockiert, nicht gerade ein Hinweis auf eine freie Erziehung.

Andere Selbstmordforscher nehmen an, dass die Welle etwas mit den eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten auf den auch im Zeitalter des Massentourismus und der weltumspannenden Kommunikation immer noch entlegenen Inseln ist. Die Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen, werden noch durch eine ausgesprochen hierarchische Bevölkerungsstruktur eingeengt, die gekennzeichnet ist durch eine Teilung in Volk und einen immer noch sehr einflussreichen Häuptlingsadel. Und nicht zuletzt, so vermuten Stavemann und Thieme, spielt auch der Nachahmungseffekt, das „Einmal-im-Mittelpunkt-Stehen“, eine große Rolle.

Derzeit werden Programme erarbeitet, die den Eltern ermöglichen sollen, ein neues Rollenverständnis zu akzeptieren und mit den Jugendlichen über persönliche Probleme und Gefühle zu reden. Ziel ist es, neue Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Kindern und Eltern einerseits und zwischen Häuptlingsadel und Volk andererseits zu schaffen, die bisher durch die samoanische Kultur blockiert waren.